So wie auf diesem Bild aus dem Jahre 1980 sorgen auch heute noch die Fliegenden Händler für besonderes Flair auf dem Markt.

50 Jahre Plettenberger Wochenmarkt
Ob Kappeskopp oder jüngstes Gerücht: Das Angebot ist vielfältig - Heinrich Riedesel 1948 erster Marktmeister

Erster Marktmeister von 1948 bis 1977 war Heinrich Riedesel. Er achtete auf die Platzeinteilung, kassierte 50 Pfennige Standgebühr von jedem Händler und hatte unfeine Marktschreierei, wie etwa das lauthals verkündete "Frische Bauerneier", zu ahnden.

So etwas gehörte nicht auf den Plettenberger Wochenmarkt. Keine Sorgen mußte sich Riedesel darum machen, daß auf dem Ferkelmarkt ein Handel per Handschlag mehr galt als mit Brief und Siegel beurkundet. In die Fußstapfen Riedesels traten Rudolf Pistora und Helmut Gärtner. Seit zehn Jahren ist Horst Pöse seitens des Ordnungsamtes fr den Wochenmarkt verantwortlich. Noch heute kassiert er nach dem Standaufbau ab 5.30 Uhr in der Frühe die Standgebühren jeden Dienstag und Freitag in bar. Die Höhe der Gebühr gibt die Ortssatzung vor. Der städtische Aufwand, zum Beispiel für die Platzreinigung, muß kostendeckend wieder hereinkommen, erklärt Pöse.

Eine scheinbar einschneidende Veränderung erlebte der Wochenmarkt zu Beginn Pöses Tätigkeit als Marktmeister. Am 30. August 1988, kurz nach Einweihung des neuen Rathauses, wurde der Handel vom Wieden in den Rathaus-Innenhof verlegt. Händler und Kundschaft zeigten sich davon zunächst wenig begeistert. Zu eng, weitere Wege - voller Skepsis wurde die Verlagerung betrachtet.

Kunden blieben treu
Doch erwiesen sich alle Bedenken als unbegründet. Der Wochenmarkt verlor nichts von seiner Anziehungskraft. Auch das Händlerinteresse ist ungebrochen. Ich habe eine lange Bewerberliste; falls ein H„ndler nicht mehr nach Plettenberg kommen will, stehen Nachfolger aus der näheren Umgebung, aber auch aus Hochsauerland, Rheinland, Bergischem Land oder Siegerland Schlange, sagt Pöse. Zum wurde seitdem nur noch ganz selten ein Ausweichen in die Königstraße notwendig, weil der Wieden fr Feierlichkeiten beansprucht wurde.

Die Kunden blieben ihren Markthändlern treu. Auch in einer Zeit, als mehr und mehr Supermärkte im Stadtgebiet eröffneten, vermeintlich übermächtige Konkurrenz, die es aber nie geschafft hat, den Wochenmarkt zu verdrängen. Längst gibt es ein für alle Beteiligten lukratives Nebeneinander. Und das wird wohl fr viele weitere Jahre so bleiben.

Dieses Foto entstand 1988, als der Wochenmarkt erstmals im Rathaus-Inenhof stattfand. (WR-Bilder:Hassel)

Von Bernd Maus
Plettenberg. Ob Kappeskopp oder jüngstes Gerücht - das Angebot auf dem Wochenmarkt ist vielfältig. Der Markt jeden Dienstag und Freitag im Rathaushof gehört zu Plettenberg wie das Salz zur Suppe. Hausfrauen preisen die Frische der angebotenen Lebensmittel und schützen die familiäre Einkaufsatmosphäre: Man trifft sich, man kennt sich, man hält ein Schwätzchen. Beliebter Umschlagsplatz für Waren und den neuesten Klatsch aus der Stadt - und das seit einem halben Jahrhundert. Morgen, Freitag, 6. November, feiern die Händler mit ihren Kunden den 50. Geburtstag des Plettenberger Wochenmarkts.

Dabei ist die eigentliche Geschichte des Marktes in der Vier-Täler-Stadt sehr viel älter. So findet der Markthistoriker im Stadtarchiv eine klevische Urkunde aus dem Jahre 1578, in der von vier freien Jahrmärkten die Rede ist, die seit altersher auf der Marktbrücke gehalten wurden. Die ersten Märckte waren Preußenkönig Friedrich II., dem Alten Fritz, ein Dorn im Auge. Mit größtem Mißfallen betrachtete er den verbothenen Handel, der nur einem gewinnsüchtigen Endzweck diene. Daher erließ Friedrich II. eine Marktordnung, um den Handel unter amtliche Aufsicht zu stellen.

In Plettenberg erlebte das Markttreiben ein Auf und Ab. 1796 wurde der Markt neu etabliert - zur Bequemlichkeit der Landleute sowohl, als zur Erleichterung der dasigen Eingesessenen beim Ankauf ihrer Victualien, auch zur Hemmung des Schleichhandels und der Aufkäuferey. Im Angebot waren Haber, Gerste, Erdäpfel, Butter, Erbsen, Schinken, Speck, Würste, Käse, gesaltgenne Fische, trokkenes Schweinefleisch. Immer wieder schlief der Handel ein, wenn die Landwirte nichts mehr zu Markte trugen. Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts fanden regelmäßig Märkte statt. Mehr und mehr wurden jetzt auch Textilien, Obst und Gemüse feilgehalten. Ab 1924 wurde die Wilhelmstraße zweimal wöchentlich für den Markt gesperrt.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatten es die Pioniere der Markt-Neuzeit nicht leicht, den Handel zunächst in der heutigen Fußgängerzone, kurz später aus Platzgründen schon auf dem Wieden zwischen Feuerwehrhaus, Schützenhalle und Hammerwerk Seissenschmidt neu zu beleben. Harry Dobler, Obst- und Gemüsehändler aus Lüdenscheid und gemeinsam mit seinem Vater im Frühjahr 1949 einer der Männer der ersten Stunde, erinnert sich: Nachdem das Geschäft für uns schon an den ersten beiden Markttagen erfolgreich verlaufen war, kamen die Plettenberger Geschäftsleute aus ihren Häusern und bedrohten uns. Das ging soweit, daß man uns die Tische umkippen wollte.

Weiße Mäuse beim Kämme-Karl
und Trödel vom China-Mann

Die ortsansässigen Geschäftsleute witterten unliebsame Konkurrenz. Aber spätestens, als aus den zwei, drei Ständen ein den Kinderschuhen entwachsener richtiger Wochenmarkt entstanden war, was sehr schnell ging, ließen sich die Markthändler von den Platzhirschen nicht mehr einschüchtern.

Dobber, Barelski, Herling, Baumjohann, Holtmann, Matayka, Deitelhoff, Droste, Nölle, Ziebolz, Funsch - diese Namen sind untrennbar mit den Anfängen des Wochenmarkts verbunden. Und wer sich heute ins bunte Treiben vor dem Rathaus mischt, findet die Namen noch an manchen Transportern. Längst haben Kinder und Enkel die Geschäfte ihrer Eltern bernommen.

Die in den Nachkriegsjahren wenig verwöhnten Plettenberger lernten rasch, das Angebot zu schätzen. Natürlich brachte der Wochenmarkt in seiner 50jährigen Geschichte auch Typen hervor, die unvergessen bleiben. Pferdemetzger Köster aus Lüdenscheid beispielsweise oder das Ehepaar Nölle. Herr Nölle kam zweimal die Woche mit dem Motorrad nach Plettenberg gesaust, auf dem Anhänger den kompletten Stand samt Woll- und Textilwaren. Seine Frau folgte ihm - mit dem Omnibus. Familie Funsch bot Meterware an. Lange nicht gekannte Südfrüchte verkauften die Herlings von ihrem Holzkohle-getriebenen Lastwagen im Lärm des Hammerwerks Seissenschmidt. Für Aufsehen sorgte Fischhändler Holtmann mit einem 100 Pfund schweren Heilbutt, den er vor den Augen der Kundschaft filetierte.

Fliegende Händler waren wie Paradiesvögel im Marktalltag. Sie priesen Gesundheitstrunks als Wundermittel an. Kämme-Karl Dammeier hatte weiße Mäuse aus Plastik im Sortiment, die er auf verschreckte Kundinnen hetzte. Pu Ge-Siang, der chinesische Trödler, verbreitete fernöstliches Flair. Zu den Typen gehört natrlich auch Mariechen Menschel, die als Toilettenfrau die Klos neben dem Feuerwehrhaus sauberhielt, für jeden ein offenes Ohr und Zeit für ein nettes Wort hatte und von allen nur "Omma" gerufen wurde.


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