Dr. Horst Wientzek

GESCHICHTE

DER

STADT PLETTENBERG

Plettenberg 1991

Zur Person des Autors: Dr. Horst Wientzek, Jahrgang 1940, ist ein gebürtiger Oberschlesier. Nach dem Abitur begann er 1960 das Studium an der im Universitätsrang stehenden Pädagogischen Hochschule in Oppeln (jetzt Opole), wo er 1965 den Titel des "Diplomhistorikers" erlangte.
Von 1966 bis 1977 war Dr. Wientzek Mitarbeiter des Schlesischen Wissenschaftlichen Forschungsinstitutes in Oppeln und zwar in der Abteilung für internationale Beziehungen. Im Jahre 1971 promovierte er zum Doktor der humanistischen Wissenschaften. Für seine Dissertation über die deutsche Wirtschaft in Schlesien während des II. Weltkrieges erhielt er im selben Jahr den "Aleksander-Zawadzki-Preis".
Hauptbereiche seiner wissenschaftlichen Tätigkeit waren Zeitgeschichte und Ost-West-Beziehungen.
Im Juni 1977 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland über. Hier arbeitete er zunächst bei der Stadtverwaltung Wetter und dann an der Ruhr-Universität in Bochum. Seinen Aufenthalt in Wetter nutzte er für Studien über die Geschichte Wetters, deren Ergebnis 1981 das Buch "Wetter - Stadt an der Ruhr" war. Später wechselte Dr. Wientzek nach Iserlohn, wo er ebenfalls Stadtgeschichte schrieb. In Plettenberg erstellte Dr. Wientzek eine Bibliographie (Erforschung der gedruckten Quellen zur Stadtgeschichte), derzeit (1996) arbeitet er an der Universität Dortmund.


Teil I - Die Alte Zeit

1. Vor- und Frühgeschichte
2. Die Hünenburg
3. Territorialer Aufbau nach den Sachsenkriegen
4. Die Besiedlung des Plettenberger Raumes
5. Anfänge der Dorfschaft Ohle
6. Anfänge der Ortschaft Plettenberg
7. Entstehung der Burg Schwarzenberg
8. Die Stadtgründung
9. Das Amt Schwarzenberg/Plettenberg
10. Die Bürgerselbstverwaltung
11. Gerichtsbarkeit im Raum Plettenberg
12. Das Mittelalterliche Stadtbild
13. Die Existenzgrundlagen der Bevölkerung im Raum Plettenberg

 

Teil II - Von der Reformation bis zu den Befreiungskriegen gegen Napoleon Bonaparte

1. Reformation in Plettenberg
2. Die Glaubenskriege, Seuchen, Katastrophen
3. Die Lage nach dem Dreißigjährigen Krieg
4. Die Zünfte in Plettenberg
5. Andere gewerbliche Produktionszweige
6. Erzbergbau nach dem Dreißigjährigen Krieg
7. Der Stadtbrand vom 12. April 1725
8. Rückblick auf das 18. Jahrhundert
9. Die Französische Fremdherrschaft

Teil III - Die Zeit der Industriellen Revolution bis 1918

1. Anbruch der neuen Zeit
2. Soziale und ökonomische Probleme nach der Einführung der Gewerbefreiheit
3. Wirtschaftlicher Strukturwandel
4. Bergbau im 19. Jahrhundert
5. Anschluß an das Eisenbahnnetz
6. Die Plettenberger Wirtschaft seit der Gründerzeit bis zum Ende des I. Weltkrieges
7. Die Plettenberger Ortsteile im Sog der Industrialisierung
8. Infrastruktur, soziale Probleme
10. Gründung der Katholischen Kirchengemeinde
11. Das Bildungswesen
12. Der Erste Weltkrieg

Teil IV - Plettenberg nach dem I. Weltkrieg bis zur Gegenwart

1. Soziale Folgen des I. Weltkrieges
2. Die Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit
3. Die politische Landschaft bis 1933
4. Zeit des Nationalsozialismus
5. Die kommunale Neugliederung 1941
6. Der Zweite Weltkrieg
7. Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse
8. Die Notjahre
9. Vertriebene und Flüchtlinge in Plettenberg
10. Wirtschaftlicher Aufstieg
11. Stadtplanung- und Entwicklung. Sanierungsmaßnahmen
12. Bildungswesen - Kultur
13. Das Leben der Plettenberger Bürger in der Nachkriegszeit

DIE ALTE ZEIT

I.Vor- und Frühgeschichte

Die Spuren der ersten Menschen in unserem Raum stammen aus der pleistozänen Altsteinzeit. In der Plettenberger Kalkhöhle »Heinrich-Bernhard-Höhle« wurde ein Faustkeil gefunden. Diese Entdeckung sowie zahlreiche Knochenfunde, u. a. von letzteiszeitlichen Höhlenbären in den Höhlen der benachbarten Ortschaften, z. B. der Geßhardt-Höhle in Rahmedetal bei Lüdenscheid, beweisen, daß unsere Gegend schon vor mehr als 10 000 Jahren von Jägergruppen durchquert wurde.

Etwas reicher sind die Artefaktfunde aus dem postglazialen mesolithischen Zeitabschnitt (Mittlere Steinzeit) von etwa 8 000 bis 4 000 v.Ch. So fand man z. B. 1963 in Frehlinghausen eine Klinge aus Kieselschiefer und einen Flintabschlag; 1964 wurden auf der Burg bei Ohle 3 Artefakte - ein Kernstein aus Kieselschiefer und 2 Flintabschläge - aus dieser Zeit ausgegraben. 1)

In der folgenden jungstein- und bronzezeitlichen Besiedlung bewohnten hauptsächlich Wanderhirten mit saisonbedingter, extensiver Viehhaltung und kurzfristiger Siedlungsweise unsere Gegend. Die überragende Rolle spielte die endjungsteinzeitliche Streitaxtkultur. 2)

In Plettenberg wurde 1959 in Schwarzenstein ein Steinkeil und 1964 auf der Gringel-Terrasse ein Steinbeil gefunden.

In den benachbarten Gebieten fanden Archäologen auch Beweise für die Anwesenheit der Menschen in der Bronzezeit. So wurde im Süden Hemers, in Heide, ein urnenfelderzeitliches Bronze-Tüllenbeil gefunden. 3)

Die ältere Eisenzeit (800 bis 400 v. Ch.) begann mit dem Vormarsch der Nachfahren der Urnenfelderkultur. Sie drangen vom Rhein lahnaufwärts durch die Gießener Senke und Niederhessen vor bis sie den Gebirgskamm erreichten und dann die sauerländischen Kalkgebiete besetzten. 4)

Die erste uns bekannte ethnische Gruppe war wohl die der Kelten. Ab etwa 500 v. Ch. wurden sie allmählich durch die germanischen Stämme verdrängt. Die römischen Autoren Plinius (gestorben im Jahre 79 nach Ch.) und Tacitus (gestorben 120 nach Chr.) nennen uns ihre Namen: Nördlich der Lippe siedelten sich die Boruktuarier (Brukterer), zwischen Ruhr und Lippe die Marsen, südlich zwischen Ruhr und Sieg die Sigambrer (auch Sugambrer bzw. Ampsivarier genannt) und östlich die Chattuaren an.

All' diese und andere germanische Völkerschaften faßte man seit der Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christi mit dem Stammesnamen »Franken« zusammen. 5)

Entscheidend für die Bildung der westfälischen Bevölkerung war die Ankunft der Sachsen. Unser Wissen über ihren Namen, ihre Herkunft und die Stammesbildung ist noch lückenhaft. Die Wiege der Sachsen stand wahrscheinlich im Gebiet nördlich der Elbmündung, im Lande Hadeln. Um die Zeitwende machten sich bei ihnen starke expansionistische Tendenzen bemerkbar. Sie rückten in drei Richtungen vor: erstens nach Südosten gegen das Reich der Thüringer - zwischen Elbe und Weser; zweitens beiderseits der Weser gegen die Agrivarier; drittens nach Westen und Südwesten - zwischen Weser und Ems. Um das Jahr 700 n. Ch. unterwarfen sie die Boruktuarier und ebenso die Sugambrer. Durch die Briloner Hochfläche drangen die Sachsen auch in westliches Sauerland vor. 6)

In den Ortsnamen mit der charakteristischen Endung auf »inghausen« erkennen wir die frühen sächsischen Siedlungen, überwiegend Kleinsiedlungen, wieder. 7)

Infolge ihrer Ausbreitung zerfiel der sächsische Stammesverband in die drei »Provinzen« Ostfalen, Engern und Westfalen, die wiederum in »Gos« (Gaue) unterteilt wurden.

Im Westen stießen die Sachsen auf die Franken. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen, bis Karl der Große sie schließlich besiegte und in sein Reich eingliederte.

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1) Sönnecken, Manfred: Vor- und Frühgeschichte im Kreis Lüdenscheid,
in: Krins, F.(Red.): Heimatchronik des Kreises Lüdenscheid. S.17-18,
siehe auch Sönnecken M., Funde aus der Mittel-Steinzeit im märkischen
Sauerland. Veröffentlichungen des Heimatbundes Märkischer Kreis, Balve 1985, S.88

2) Sönnecken, M.: Die Besiedlung des westlichen Sauerlandes während
der Jungstein- und Bronzezeit, in: Der Märker, H.5, 1955, S.112-114.

3) Bleicher, Wilhelm: Ein urnenfelderzeitliches Bronze-Tüllenbeil von
Heide im Süden Hemers, in: Der Schlüssel, Jg.28, 1983, H.5, S.134 ff.

4) Sönnecken, Manfred: Zur frühen Besiedlung des West- und
Südsauerlandes, in: Der Märker, 1954, H.2, S.40

5) Wientzek, Horst: Wetter - Stadt an der Ruhr. Eine Dokumentation
in Schrift und Bild, Wetter 1982, 2 Aufl. S.17; vgl. Holz, W.K.B.:
Ein Jahrtausend Raum Hagen, Hagen 1947, S.11 ff..

6) Sönnecken M. Heimatchronik K. Lüdensch., S.28.

7) Sprandel, Rolf: Die Eisenerzeugung im märkischen Sauerland
während des frühen und hohen Mittelalters, in: Der Märker, 1980, H.4, S.107.

 

2. Die Hünenburg

Der oben erwähnte Krieg tobte auch in unserer Gegend. Dies beweist u. a. die sog. Hünenburg auf dem Sundern in Ohle. Die andauernden Auseinandersetzungen mit den Franken veranlaßte nämlich die Sachsen, befestigte Heerlager anzulegen. Diese Befestigungen, Wallburgen oder auch Ringburgen genannt, dienten auch als Fliehburgen für die in der Nähe wohnende Bevölkerung.

Eine der größten Wehranlage von fast 7 ha Fläche wurde auf dem kegelförmigen 375 m hohen Sundern bei Ohle gebaut, wo die steilen Abhänge von 45 bis 80 Grad günstige Wehrbedingungen nach allen Seiten boten. Im Standardwerk über die westfälischen Geschichtsdenkmäler (Barth,U./ Hartmann, E./Kracht, A.: Kunst- und Geschichtsdenkmäler im Märkischen Kreis, 1. Aufl. 1983) wird die Anlage wie folgt beschrieben:(S.632 - 634)

»Vom wallumgebenen Zentrum auf der Bergkuppe verläuft ein 260 m langer Wallstrang nach Osten. Ca. 80 m vor seinem Auslauf in den Steilhang hat er in seinem südöstlichen Teil den einzigen Zugang im Zuge des von Ohle heraufführenden Weges. Der vom Kernwerk aus nordwärts gerichtete Strang in Gestalt einer streckenweise doppelläufigen Terrassenkante beschreibt im abfallenden Gelände auf einer Länge von 310 m einen von Norden nach Osten umbiegenden, ebenfalls im östlichen Steilhang endenden Bogen. Im Innenraum legen sich mehrere hintereinander angeordnete Terrassen vor die Öffnung der durch die beiden Stränge dargestellten Zange. Mit einer Größe von 50:35 m ist das Kernwerk auf der Bergkuppe als verhältnismäßig klein zu bezeichnen.

Das wichtigste Ergebnis der Grabungen (1953-1955) ist der Nachweis von zwei verschiedenen Befestigungsperioden im Wall, denen zwei verschiedene Zustände im Torbereich entsprechen...

Bei den Mauerresten der älteren Bauperiode liegt eine Übergangsform vom Holz- zum Steinbau vor. Im südlichen Teil des Ringwalles ist das Innere der aus Front- und Ankerpfosten gebildeten Holzkonstruktion (Kasten) mit umsichtig geschichtetem, bis zu 2 m starkem Trockenmauerwerk verfüllt, während im übrigen Teil des Wallkörpers der ältere Zustand durch die Anlage der jüngeren Bauphase verwischt ist. Brandspuren und Verfärbungen deuten auch hier auf eine Pfostenkonstruktion hin...

Als Teil der jüngeren Bauperiode wurde eine in der Stärke zwischen 1,30 und 2,20 m variierende Mörtelmauer in Schalenbauweise festgestellt. Die Rückfront der Mauer ist unterschiedlich beschaffen und hängt von dem Verhältnis zur älteren Mauer ab, der die neue Mauer bald vor - bald überlagert ist....

Das Tor liegt 60 m unterhalb des Kernwerkes. In seiner älteren Phase unterbrach es den Wall in einer Breite von 5,50 - 5,80 m.Es hatte die Form eines Kastentores, d. h., seine Tiefe entsprach der Breite des Wallkörpers bzw. der Trockenmauer. Im Abstand von 2,60 m markierten je zwei Pfosten an den äußeren Ecken der Trockenmauer den Kastengrundriß. Durch einen in der Mitte zwischen den beiden Außenpfosten situierten Mittelpfosten entstand ein zweiflügeliges Tor, das, Brandspuren zufolge, durch Feuer zerstört wurde. Das an gleicher Stelle errichtete Tor der jüngeren Bauperiode bezog die Torwangen der älteren Trockenmauer... und bildete zusammen mit dem älteren Torraum eine 5-6 m tiefe und 5 m breite Gasse, in welche die Mörtelmauerenden trichterförmig einbogen. Von den sieben Pfosten des neuen Kastentores waren je drei als Außen-, Mittel- und Innenpfosten längs den Torwangen postiert; der in der Mitte zwischen den beiden Mittelpfosten stehende siebente Pfosten teilte das somit ebenfalls zweiflügelige Tor in zwei Fahrhälften«.

Bei der Untersuchung des Burgtores an der Südostecke des weit den Berghang hinabschwingenden Beringes traten wieder die beiden Burgbauperioden mit der älteren Pfostenschlitzmauer und der jüngeren Mörtelbruchsteinmauer klar in Erscheinung, wobei die jüngeren Burgbauer die gleiche Torsituation und Torbreite der älteren benutzten. Das jeweilige Burgtor war mit einem mächtigen Wehrturm gesichert. Die bemerkenswerte Torbreite sollte eine schnelle Flucht mit dem gesamten fahrbaren Habe und dem Vieh ermöglichen. Die Ausgrabungen brachten weitere Beweise dafür, daß die ältere Anlage sächsischen Ursprungs ist und sowohl die Zerstörung als auch der Wiederaufbau der Hünenburg auf fränkische Militäroperationen zurückgeht. 8)

Im Bereich des Kernwerkes auf der östlichen Seite stieß man bei einem Querschnitt des Steinwalles auf eine 1,5 m starke und noch bis zu 1,30 m Höhe erhaltene Mörtelmauer (Barth, Hartmann, Kracht..o.c.S.634).

Die Errichtung dieser Wallburg erforderte einen erheblichen Arbeitsaufwand, was vermuten läßt, daß unsere Gegend im 8. Jahrhundert schon verhältnismäßig dicht besiedelt war.

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8) Sönnecken, Manfred: Archäologische Untersuchung des
Hünenburgtores auf dem Sundern bei Ohle und der neue
Datierungsversuch der älteren Pfostenschlitzmauer, in: Der
Märker, H.2 1957, S.96.)

 

 

3. Territorialer Aufbau nach den Sachsenkriegen

Im Zuge der fränkischen Eroberungen wurde das Sachsenland christianisiert. Die Missionierung des Sauerlandes ging von Köln aus, dabei hat sich der angelsächsische Missionar Winfried von Wessex (Bonifatius) hervorgetan. 9)

Wo die Missionsarbeit keine Erfolge brachte, griff Karl der Große zu harten Maßnahmen wie Massentaufen, welche die Christianisierung durchsetzten. Die Organisation des Pfarrwesens und der Kirchenbau im Sauerland oblag ebenfalls von Anfang an dem Erzbischof von Köln. Dies verschaffte ihm in der Folgezeit einen erhebliche Einfluß in unserem Raum.

Nach dem Krieg organisierte Karl der Große den inneren Aufbau im Sachsenland nach fränkischem Vorbild. Er schuf kleine Verwaltungsbezirke - »Grafschaften« - unter Führung je eines beamteten Verwaltungsmannes, d. h. eines Grafen (comes), der nicht nur Verwaltungsaufgaben zu erfüllen hatte, sondern zugleich oberster Gerichtsherr in seinem Bezirk und für die Aufstellung und den Unterhalt einer wehrfähigen Mannschaft verantwortlich war.

Bald aber verloren die Grafschaften ihren ursprünglichen Charakter und wurden zu erblichen Lehen. Die Abhängigkeit der Herzöge, der Grafen und der anderen Feudalherren (Bischöfe u. a.) von der zentralen Macht lockerte sich nach Karls Tod erheblich. Die Feudalherren bemühten sich, ihre eigenen Herrschaften zu festigen und auszuweiten. So ergaben sich viele regionale Streitigkeiten, die das politische Leben in unserem Raum beeinfluáten. Für Plettenberg war seit dem Mittelalter der Konflikt zwischen dem Erzbischof von Köln und der Grafschaft Altena-Berg bestimmend. Das auslösende Moment war die Übertragung des Herzogtums Sachsen (in seinen Teilen Westfalen und Engern) im Jahre 1180 an den Erzbischof von Köln. In den Bemühungen, sich als Landesherr durchzusetzen, trafen die Bischöfe auf den Widerstand der regionalen Größen, darunter den der Grafen von Altena.

Die oft vorhandene enge Verwandschaft der Erzbischöfe mit den Grafen von der Mark schaffte auch undurchsichtige Erbschaftsfragen,die den Konflikt zwischen Köln und Mark noch verschärften. Der Hochadel fürchtete wegen der wachsenden Macht der Bischöfe um seine Positionen. Der Konflikt nahm äußerst scharfe Formen an und führte zur Ermordung des Erzbischofs Engelbert durch den Grafen Friedrich von Isenburg-Altena im Jahre 1225. Anlaß war der Versuch des Erzbischofs, der übrigens Oheim des Grafen Friedrich war, den Grafen aus seiner ertragreichen Vogtei über dem Hochadeligen Frauenstift in Essen zu verdrängen. Kurz vorher hatten beide ergebnislos in Soest über diese Vogtei verhandelt. So überfiel der Graf den Erzbischof am 07. November 1225 in einem Hohlwege bei Gevelsberg. »Schlagt ihn nieder, den Räuber, der die Edlen ihres Erbteils beraubt« soll Graf Friedrich seiner Gefolgschaft zugerufen haben. 10)

Im ganzen Reich war die Empörung wegen dieses Mordes groß. Die Rache war furchtbar. Friedrich von Isenberg mußte, als Mörder »in Acht und Bann getan«, fliehen. Etwa ein Jahr später wurde er gefangengenommen und in Köln auf's Rad geflochten. Seine Kinder und Brüder verloren sämtliche Lehen und Alloden. Einen großen Teil des Besitzes bernahm sein Vetter, Graf von Altena, der sich seit 1202 auch »Graf von der Mark« nannte. Diesen zweiten Namen benutzte er nach der Untat Friedrichs stets, um den geschändeten Namen nicht mehr tragen zu müssen.

Zu einer Wende des Machtverhältnisses zwischen Mark und Köln führte die Schlacht bei Worringen am 5. Juni 1288. Der Erzbischof erlag den vereinigten Truppen des westfälischen Hochadels - der Grafen von der Mark, derer von Waldeck und Tecklenburg -, der Kölner Bürger und der bergischen Bauern. Eberhard Graf von der Mark eroberte eine Reihe kölnischer Festungen. Der geschlagene Erzbischof mußte u. a. den Grafen von der Mark das Recht des Burgen- und Städtebaues zubilligen.

Der Machtkampf um Westfalen war damit jedoch noch nicht beendet. Die Niederlage des Erzbischofs vergrößerte noch die territoriale Aufsplitterung. Das Kaisertum schwebte schattenhaft als »eine Institution von hoher altertümlicher Würde und höchster eingeschränkter Machtbefugnis« darüber. 11)

Die Kleinstaaten kämpften ständig gegeneinander, um ihre Landeshoheit zu festigen und ihre Gebiete auszudehnen. Dabei wechselten die Fronten häufig. Es war ein Daseinskampf auf Kosten der Schwächeren. Diese Periode ist uns als die Zeit des »Faustrechts« bekannt.

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9) Hömberg, Albert K.: Studien zur Entstehung der mittelalterlichen
Kirchenorganisation in Westfalen, in: Westfälische Forschungen, Bd.6
1943 - 1952, S.46 ff; vgl.Zimmer, M. Aus der Geschichte der Stadt
Plettenberg, in: 150 Jahre Plettenberger Schützengesellschaft 1836 e.V., S.104.)

10) Rotherd, H.:Westfälische Geschichte, Bd.1, Gütersloh 1949, S.201-202.)

11) Rotherd, Bd.1, S.309.